Skinheads am Mountains of Death 2003
Interview mit dem Veranstalter

Das folgende Interview mit dem Mountains of Death-Veranstalter Reto wurde am 6./7. Oktober 2003 per E-Mail geführt. Retos Antworten sind unverändert.

Wie kam es überhaupt dazu, dass die Skins hereingelassen wurden?


Die staff an der kasse hatte keine anweisungen irgendwelche leute nicht hineinzulassen. Ich hatte ja auch gar nicht mit solchen leuten gerechnet und mir auch gar keine gedanken im vornherein darüber gemacht.

Schon am Nachmittag war im Festzelt einiges Zähneknirschen über die Anwesenheit der Skins zu vernehmen. Warum wurden sie nicht zu dem Zeitpunkt bereits rausgeworfen? Wahrscheinlich wäre es dann gar nicht zu der Eskalation am Abend gekommen, die wohl auch viel mit dem Alkoholpegel zu tun hatte.

Ich bemerkte die skins erst als sie den stand schon eine weile aufgebaut hatten (dazu später)
Da sie friedlich und anständig mit anderen besuchern diskutierten und zu diesem zeitpunkt nur zu zweit waren, hielt ich es nicht für nötig die skins rauszuwerfen.

Wie kam es dazu, dass die Skins stundenlang CD's von bekannten Nazibands wie Kraftschlag verkaufen konnten?

Wie gesagt bemerkte ich den stand erst einige zeit später. 2 personen machten mich darauf aufmerksam, dass da ein stand sei an dem nazizeugs verkauft wird. Ich trat dann zu ihnen hin und fragte sie was sie denn da verkaufen. Mir wurde geantwortet: metal bis deathmetalcd's, jedoch die meisten davon mit patriotischen texten. Ich war zur zeit sehr gestresst, machte noch schnell einen blick über die cd's ob es klar ersichtliche rassistische oder nazistische zeichen hat. Mir fiel nichts auf. Dann verliess ich den stand um einige wichtige telefonate zu machen, mit dem vorsatz, danach nochmals zum stand hinzugehen, um alles genauer unter die lupe zu nehmen. Der stress ist wirklich keine ausrede! Zum beispiel konnte ich soul demise nicht erreichen und diese sind dann angekommen und direkt auf die bühne! Necrophagist kam auch nicht viel früher. Als sich die sache gelegt hatte, ging ich nochmals zu dem stand. Ich schaute die cd's nochmals an und hörte auch in eine rein, war so thrash bis deathmetal. Die texte schaute ich mir natürlich auch an. die waren patriotisch aber weder rassistisch noch nazistisch. Klar, konnte ich nicht jede cd genauer anschauen. Ich beschloss aber den stand zu schliessen aus folgenden gründen:
- Zwei drei personen die ich kenne haben mir versichert, dass darunter auch ganz offensichtliche nazibands seien
-Meiner meinung nach gehört solches gedankengut (ich meine jetzt nur patriotismus) nicht an die öffentlichkeit (stand) eines deathmetalopenairs.
Also sagte ich den zwei skins, dass sie den stand schliessen müssen. Ohne widerworte akzeptierten sie meinen entscheid und schlossen den stand.

Warum hast Du den Skins nicht gesagt, sie sollen gehen, als sie den Stand wegräumen mussten? Egal, was jemand verkauft, es ist ja an sich schon ziemlich daneben, an einem Festival einfach ohne zu fragen einen Stand aufzustellen.

Da sie sehr friedlich und anständig (zu diesem zeitpunkt) waren, hielt ich es nicht für nötig die zwei rauszuwerfen.
Sie haben nicht mich gefragt, aber ein anderes staffmitglied (weiss aber nicht ob dies stimmt). Ich weiss nicht wer. Ich hätte da schon genauer nachgefragt. Dieser aber dachte vielleicht, sie seien von einer band. Mir wurde das auch nicht weitergeleitet.

Was in dem Zusammenhang einigen Leuten offenbar nicht ganz klar ist, ist Deine Unterscheidung zwischen "Patriot" und "Nazi". Erklär das doch bitte etwas genauer.

Also, ein patriot ist für mich einer, der zu dem land steht wo er lebt, auch auf das was die bewohner des landes in der vergangenheit geleistet und erschaffen haben, so dass es jetzt im land so ist, wie's ist. Einer der gerne in seinem land lebt. Das heisst meiner meinung nach aber nicht, dass ein patriot nicht auch gerne in andere länder reist, interesse an anderen kulturen hat und offen gegenüber fremden menschen ist. Ein patriot kann sehr tolerant sein. Sicher gibt es auch die, die sich als patrioten bezeichnen und gegen alles fremde sind. Das hat für mich aber nichts mit patriotismus zu tun.

Ein nazi steht zu dem was hitler und seine anhänger alles angerichtet haben und ist ganz klar gegen fremde rassen. Ein nazi kann in vielen punkten nicht tolerant sein, da er sonst seine eigene ideologie verleugnet.

Ich finde es scheisse, wenn man patrioten und nazis in einen topf wirft!

Was hat sich genau mit der Polizei abgespielt? Angeblich soll einer der Skins draussen vor dem Festzelt den Hitlergruss gezeigt und "Sieg Heil" skandiert haben, und ich selbst habe einen von ihnen im Zelt den Hitlergruss machen sehen. Das alleine ist ja schon ein Gesetzesverstoss und müsste als Grund für die Polizei genügen, um einzuschreiten. Was genau hast Du der Polizei gesagt, gehe vor?

Ich rief die polizei schon bei der ersten auseinandersetzung an. Als sie eintraf, waren die skins vor dem eingang des zeltes. Ich habe der polizei gesagt, dass es fünf hammerskins seien, die sehr agressiv gegen die besucher vorgehen, leute anpöbeln und provozieren. Sie haben selbst gesehen wie einer die rechte hand zum hitlergruss hob. Die polizei nahm vier der skins zu ihrem wagen, der weiter vorne stand mit und nahmen die personalien auf. Ich dachte schon, dass sie sie jetzt mitnehmen. Doch nach kurzer zeit kamen die vier wieder, ohne polizei. sofort rief ich die polizei wieder an. Die patroullie wartete beim wagen vorne, ich war die ganze zeit ausserhalb des festzelteingangs. Sie kam dann nochmals zu mir und teilte mir mit, dass sie nichts unternehmen können, solange es nicht zu einer wirklichen schlägerei komme. Ich schlug vor, dass sie sich vor dem zelt aufhalten sollen um das geschehen unter kontrolle zu halten. Diese hatten aber keine zeit und mussten an einen anderen ort. Ich solle wieder anrufen, wenn es dann eskaliert.

Was gedenkst Du nächstes Jahr zu unternehmen, damit es nicht noch einmal zu einem solchen Vorfall kommt?

Ich gedenke, der eingangskontrolle genaue anweisungen zu geben, dass solche skins und nazis nicht hereingelassen werden. auch gedenke ich mehr securitys zu engagieren und ein metalheads against racism banner auf die flyers zu drucken, dass solche leute auch ganz klar wissen, dass sie unerwünscht sind. Es ist keine garantie, dass nichts passieren wird aber ich probiere mein bestes.
Die securityanzahl ist auch eine finanzielle frage, da diese sauteuer sind.

Gibt es sonst noch etwas, das Du zu der Geschichte loswerden möchtest?

Soweit ich weiss hat es eine solche situation in unserer deathmetalszene noch nie gegeben.
Ich finde, dass ich und meine helfer das beste aus der situation gemacht haben.
Ich weiss, dass die stimmung am abend zur sau war und dass man immer wieder befürchten musste, dass es zur schlägerei kommen könne. Schlussendlich hat es aber keine schlägerei gegeben, "nur" zwei drei handgemenge und verbale attacken.
Leider waren uns gesetzlich aber die hände gebunden, sie rauszuwerfen. Wenn wir sie selbst herausgeworfen hätten, wäre es bestimmt zu wüsten schlägereien gekommen.
Eventuell wäre dann auch noch verstärkung der skins gekommen. Ich mag gar nicht daran denken, wieviel blut geflossen wäre.
Ein anderer wichtiger punkt ist , wenn es zur grossen schlägerei gekommen wäre, ich dann bestimmt keine bewilligung für nächstes jahr mehr bekommen hätte!

Ich hoffe, dass nächstes jahr alles glatt über die bühne geht und wir wieder eine geile deathmetalparty feiern können!!!

Was meinst Du damit, dass Euch gesetzlich die Hände gebunden waren? Soweit ich weiss (ich kann mich natürlich irren!), hat man als Veranstalter das Hausrecht, und es kann Dich niemand zwingen, die Anwesenheit von Leuten zu dulden, die Du nicht an Deiner Veranstaltung haben willst.

ich habe im nachhinein erfahren, dass der veranstalter personen ohne begründung den zutritt verweigern kann. jedoch, so hat es mir die polizei gesagt, kann ich sie gesetzlich (polizeilich) nicht rauswerfen. natürlich, wenn man genügend professionelle security hat, kann man das intern schon machen. man ist dann aber auch für die konsequenzen verantwortlich.

Ich möchte mich an dieser Stelle noch einmal bei Reto für seine ausführlichen und unmissverständlichen Antworten bedanken. Ich denke, dass er sich die Zeit hierfür genommen hat, sollte ebenfalls ein deutliches Zeichen sein, dass er sich der Tragweite der Situation bewusst ist und das Problem ernst nimmt.